Barrierefreiheit beim Arzt? Menschen mit Behinderung berichten

01.06.2017

Viele Arztpraxen kommunizieren nach außen, dass sie barrierefrei sind. Doch wenn Patienten mit Behinderung dann vor Ort sind, müssen sie oft feststellen, dass nicht immer das drin ist, was draufsteht. REHACARE.de hat sich umgehört, welche Erfahrungen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen bei diversen Arztbesuchen gemacht haben.

Foto: Junge Rollstuhlfahrerin fährt durch den barrierefreien Eingang eines großen Gebäudes; Copyright: visitBerlin, Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Wirklich barrierefreie Zugänge findet man meist nur in neugebauten Praxen. Alte Gebäude fallen unter den Bestandsschutz und müssen daher nicht zwingend angepasst werden; © visitBerlin, Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

"In meiner Stadt ist von 14 Arztpraxen eine barrierefrei. Aber auch hier ist die Nutzung des Ultraschallgerätes beispielsweise für mich nicht möglich", sagt Rollstuhlfahrerin und Bloggerin Ju / Wheelymum. "Und bei meinem Frauenarzt gibt es keine Toilette und Umkleide für Rollstuhlfahrerinnen. Ansonsten ist die Praxis barrierefrei. Der einzige Arzt, der bei mir komplett barrierefrei ist, ist mein Hautarzt! Leider ist das auch der Arzt, den ich am seltensten aufsuche."

Diese Erfahrungen teilen viele Menschen mit Mobilitätseinschränkungen: Wenn es mal nicht an der Rampe oder dem stufenlosen Eingangsbereich mangelt, sind häufig die Praxisräume nur bedingt bis gar nicht geeignet, um sich dort beispielsweise mit einem Rollstuhl fortzubewegen oder auf Untersuchungsliegen zu gelangen. Viele finden zu ihren Bedürfnissen passende Praxen erst nach langem Suchen. Auch Valerie A.* ging es so auf der Suche nach einem geeigneten Zahnarzt. Fündig wurde sie am Ende in einer anderen Stadt. Einen Dermatologen habe sie allerdings noch immer nicht gefunden. 

Norbert Sandmann hat die Erfahrung gemacht, dass die barrierefreien Praxen sich in der Regel in Neubauten befinden. Ein befreundeter Zahnarzt erklärte dem Rollstuhlfahrer diese Beobachtung so: "Neugebaute Praxen müssen barrierefrei erreichbar sein. Alte Gebäude haben dagegen Bestandsschutz, müssen also nicht umgebaut werden", fasst Sandmann das Gespräch zusammen. "Und viele angehende Mediziner übernehmen meist bestehende Praxen." Daher befürchten Sandmann und der befreundete Zahnarzt, dass sich an der Situation in naher Zukunft wenig ändern werde.

Selbstbestimmt durch Barrierefreiheit

Aber es sind nicht nur Arztpraxen, die für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zugänglich sein sollten. Auch Krankenhäuser sind natürlich relevant. Valerie A. hat diese bisher aber als recht barrierefrei erlebt. "Es gibt jedoch leider nur sehr wenige Krankenhäuser, die auf die Behandlung von Menschen mit Muskelerkrankung ausgerichtet sind. Entsprechend waren die meisten Ärzte und das Pflegepersonal sehr überfordert und einige auch sehr unfreundlich und verständnislos. Das ist immer sehr frustrierend", berichtet die junge Frau.

Natürlich unterscheiden sich die Erfahrungen teilweise stark – je nach Ort, Klinik und Art der Behinderung. Martin Habacher aus Wien, Österreich, hat beispielweise die Erfahrung gemacht, dass Krankenhäuser grundsätzlich nicht so wirklich auf Menschen im Rollstuhl eingestellt sind: "Die Möglichkeit, sich mit dem Elektrorollstuhl einliefern zu lassen, bietet kaum eine Rettung." Aber gerade bei einem längeren Klinikaufenthalt würde das sehr zu einem selbstbestimmten Aufenthalt beitragen.

Allerdings meint der österreichische YouTuber dafür, dass es in Wien durchaus barrierefrei zugängliche Praxen gäbe: "Man muss sich nur umsehen! Es gibt zwar Webseiten, die über die Barrierefreiheit von Praxen Auskunft geben, aber ich rufe trotzdem vorher immer an."

Foto: Nahaufnahme von den Beinen eines blinden Mannes, der sich mit einem Langstock auf Treppen zu bewegt; Copyright: panthermedia.net/AndreyPopov

Auch für blinde Menschen reichen rein bauliche Maßnahmen in der Praxis oder im Krankenhaus nicht aus. Auch der angemessene Umgang mit den Patientinnen und Patienten sollte beispielsweise selbstverständlich sein; © panthermedia.net/AndreyPopov

Praxen brauchen nicht nur bauliche Barrierefreiheit

Doch Barrierefreiheit meint nicht immer nur eine Rampe oder einen Aufzug. Sie sollte im Idealfall auch andere Behinderungen einschließen. Rainer J.* ist beispielsweise blind und hat feststellen müssen, dass das Personal in Krankenhäusern und Praxen oft generell nicht geübt ist im Umgang mit blinden Menschen. "Sie verhalten sich furchtbar umständlich mit dem Anfassen und Führen", sagt er. "Das Phänomen, dass die Menschen, sowohl Arzt als auch Angestellte, gern die begleitende Person statt mich direkt angucken und ansprechen, ist leider auch weit verbreitet. Das ist im Gesprächsfluss mal mehr, mal weniger spürbar. Dem begegne ich, indem ich die begleitende Person von den Gesprächen fernhalte." Doch auch das sei oft ärgerlich gewesen, weil Rainer J. gerne eine zusätzliche Einschätzung der Wiedergabe des doch recht komplizierten medizinischen Sachverhalts gehabt hätte.

Und dann gibt es noch die Behinderungen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind – wie etwa bei Kerstin M.*: "Meine Behinderung ist unsichtbar; selbst wenn andere Menschen mit mir interagieren, merken sie oft zuerst nicht, dass ich autistisch bin. Meine Probleme sind aber trotzdem da, auch wenn ich sie gut kompensieren kann. Im Kontext von Arztterminen klappt das mit der Kompensation nämlich nur bedingt. Allerdings ist Barrierefreiheit für Autisten ein Konzept mit vielen Ausprägungen. Darum kann ich nicht erwarten, dass eine Praxis bereits barrierefrei ist, ohne dass ich im Speziellen um Unterstützung bitte." Sie und viele andere Autisten profitieren aber beispielsweise schon davon, wenn schriftliche und digitale Kommunikation möglich gemacht wird – im Voraus zur Terminvereinbarung sowie auch im Falle von Nachfragen zu verordneten Medikamenten.

"In solchen Situationen ist es super für mich, wenn ich eine Mail schreiben kann. Das erwarte ich aber nicht – ich wünsche es mir nur, weil es für mich eine große Barriere beseitigt", sagt die junge Frau. "Die Zahl der Praxen mit Webseite und digitalen Kommunikationskanälen oder Terminvereinbarungsmöglichkeiten im Netz steigt aber seit Jahren stetig, und das ist wirklich super! Inzwischen suche ich mir neue Ärzte sogar gezielt danach aus, ob sowas vorhanden ist oder nicht."

Wichtig sei in jedem Fall, dass sich Ärzte etwas Zeit für sie als Patientin nehmen und sie nicht einfach nur wie am Fließband durchwinken. "Sich Zeit zu nehmen ist eine gute Basis, um Lösungen zu finden und auch, um problematische Situationen entschärfen zu können. Das muss gar nicht viel Zeit sein, aber es hilft sehr, wenn zu Beginn des ersten Termins bei einem neuen Arzt ein paar Minuten vorhanden sind, in denen ich erklären darf, was es mit der unsichtbaren Behinderung auf sich hat und was Barrierefreiheit für mich bedeutet."

Der Unterschied zwischen einem barrierearmen Termin, bei dem man auf ihre Probleme eingeht, und einem, bei dem das nicht passiert, ist daran sichtbar, wie es Kerstin M.* anschließend geht: "Wenn man mich nicht ernst nimmt, bin ich danach oft so überreizt und überanstrengt, dass ich den restlichen Tag im Bett verbringen muss. Wenn Ärzte und Arztpraxen auf diese 'weiche', individuelle Barrierefreiheit achten, kann ich danach aber oft ganz normal an die Uni gehen, einkaufen und andere Dinge erledigen."

Ob nun Autismus oder eine körperliche Behinderung – eine wichtige Basis ist grundsätzlich schon dann gegeben, wenn das medizinische Personal keine Berührungsängste hat und kompromissbereit ist. Denn die Barrierefreiheit im Kopf ist oft noch die größte Hürde, die es zu überwinden gilt.


* = Name von der Redaktion geändert

Foto: Nadine Lormis; Copyright: privat

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Nadine Lormis
REHACARE.de

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