Künstliche Beatmung: Mehr Sicherheit für zu Hause

17.05.2017

Die Theologische Fakultät der Universität Greifswald startete im März 2017 ein Projekt im Rahmen des Forschungskonsortiums
MeSiB – Mehr Sicherheit in der häuslichen Beatmungspflege. Ziel des ethischen Teilvorhabens ist es, die Belastungen pflegender Angehöriger von künstlich beatmeten Patienten sozialempirisch zu ermitteln und zu klären, inwieweit ihre legitimen Privatheits- und Intimitätsansprüche durch Sensortechnologien berührt werden. Die Ethiker der Theologischen Fakultät begleiten darüber hinaus die Entwicklung der Schulungskonzepte.

Foto: Frau schmiegt sich an schlafenden, künstlich beatmeten Ehemann ; Copyright: panthermedia.net/CandyBox Images

Besonders die Frage nach der Zuverlässigkeit der lebenswichtigen Beatmungseräte macht Angehörigen zu schaffen. Die Uni Greifswald will herausfinden, wie IT-gestützte Sensortechnologien Abhilfe schaffen können, ohne dabei in die Privatsphäre einzugreifen; © panthermedia.net/CandyBox Images

Durch das BMBF-Verbundprojekt MeSiB wird ein umfassendes Sicherheits- und Schutzkonzept für Pflegebedürftige, informell Pflegende und professionell Pflegende (Fachpflege) in der Heimbeatmung entwickelt. Dafür stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den kommenden drei Jahren insgesamt ca. zwei Millionen Euro bereit.

Menschen aller Altersstufen können aus verschiedensten Ursachen auf langfristige künstliche Beatmung angewiesen sein. Insbesondere bei der häuslichen Pflege von Hochrisikopatienten ist der Umgang mit den Betroffenen und der Medizintechnik, wie etwa dem Beatmungsgerät, eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit. Gerade für Angehörige kann diese Situation zu erheblichen psychischen Belastungen führen. Denn sie leben nicht nur in ständiger Sorge um das Wohl des Kranken, sondern müssen auftretende Probleme rasch und zuverlässig erkennen und wissen, was im Notfall zu tun ist. Dies wiederum hat zu Folge, dass sie als Laien in erheblichem Ausmaß Verantwortung für technische Abläufe und den Umgang mit dem notwendigen Equipment, aber auch für die Kommunikation mit Notärzten und Intensivpflegediensten übernehmen müssen. Die Belastung der Angehörigen nimmt noch zu, wenn sie bei unheilbar Kranken mit end-of-live-Situationen oder gar dem Wunsch nach Einstellung der Beatmung konfrontiert sind.

Eine potenzielle Quelle für Belastung und Verunsicherung ist die Frage nach der Zuverlässigkeit der Beatmungsgeräte. Hier können IT-gestützte Sensortechnologien, die etwaige Fehlfunktionen zuverlässig erkennen und an eine Notfallzentrale melden, zur Entlastung der Angehörigen beitragen. Je nach Breite und Tiefe ihres Einsatzes können sogenannte Monitoring-Technologien (Beobachtungstechnologien) aber nicht nur Gerätefunktionen überwachen, sondern ganz allgemein Notfallsituationen in der Häuslichkeit erkennen. Allerdings zeichnen sich hier Konflikte mit den Privatheits- und Intimitätsansprüchen von beatmeten Patienten und ihren Angehörigen ab: Sensoren in der eigenen Wohnung können zwar einerseits dazu dienen, festzustellen, ob Patienten gemäß der etablierten täglichen Routine versorgt werden, andererseits aber erlauben sie auch tiefe und unter Umständen unerwünschte Einblicke in den Alltag der Mitbewohner und die verschiedensten häuslichen Abläufe.

Schließlich drohen sehr ernsthafte ethische Konflikte beim Einsatz von Monitoring- Technologien in der Häuslichkeit von beatmeten Patienten auch dann, wenn diese Patienten keine Verlängerung ihrer Beatmungspflege mehr wünschen oder in die letzte Phase des Sterbeprozesses eingetreten sind. In diesem Falle muss die Sensorik entsprechend adaptiert werden, um keine fehlgeleiteten Alarme auszulösen.

Vor diesem Hintergrund nutzt das ethische Teilvorhaben der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald sozialempirische Erhebungsverfahren, um zum einen Art und Ausmaß der Belastung von pflegenden Angehörigen heimbeatmeter Patienten genauer zu evaluieren und zum anderen festzustellen, wie mit Hilfe von Monitoring-Technologien eine Balance von Sicherheit und Privatsphäre auf hohem Niveau erreicht werden kann.

Zu diesen Aspekten liegen bislang kaum zuverlässige Daten vor. Das Greifswalder Projekt schließt diese Forschungslücke durch Einsatz eines innovativen Mixed-Methods-Ansatzes, der am Lehrstuhl für Systematische Theologie entwickelt und bereits erfolgreich in anderen Projekten eingesetzt wurde. Dieser Ansatz kombiniert in besonderer Weise quantitative und qualitative Erhebungsverfahren.

Die Ergebnisse des Greifswalder Projektes werden an die mit der Entwicklung und Implementierung geeigneter Sensortechnologien befassten MeSiB-Partner zurückgemeldet und fließen in die Konfiguration des gesamten soziotechnischen Arrangements ein. Zugleich bilden die Ergebnisse den methodischen Ausgangspunkt für die Entwicklung bedarfsgerechter Schulungskonzepte für pflegende Angehörige und Mitarbeiter von Intensivpflegediensten.

Zur Durchführung des Teilprojektes an der Theologischen Fakultät wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Post-Doc-Stelle für einen Zeitraum von drei Jahren bewilligt.

Im BMBF-Verbundprojekt MeSiB wollen Wissenschaftler aus Informatik, Ingenieurswissenschaften und Bioethik sowie Industriepartner und ambulante Pflegedienste gemeinsam durch die Entwicklung eines mehrstufigen Modells, das neue Technologien (wie etwa ambiente Szenarienerkennung und die Integration eines Telemedizin-Zentrums) umfasst, zu mehr Sicherheit und Schutz für Pflegebedürftige, informell Pflegende und professionell Pflegende in der Heimbeatmung beitragen.
Mehr über die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald unter: www.uni-greifswald.de