Mode: Auf Augenhöhe mit kleinwüchsigen Menschen

Nachgefragt bei Sema Gedik

19.01.2017

Jeder kleinwüchsige Mensch sollte schöne Kleidung kaufen können. Doch es gibt nach wie vor keine Mode in einheitlicher Konfektionsgröße. Das will Sema Gedik ändern – mit ihrem Projekt "Auf Augenhöhe". REHACARE.de sprach mit der Designerin über ihre Inspiration, ihre Ziele und Hürden, die es zu bewältigen gab.

Foto: Sema Gedik beim Nähen; Copyright: Valerie Diedenhofen

Sema Gedik; © Valerie Diedenhofen

Frau Gedik, was hat Sie inspiriert, Mode für kleinwüchsige Menschen zu designen?

Sema Gedik:
Die größte Inspiration hierfür ist meine kleinwüchsige Cousine, Funda ist ihr Name. Sie liebt schöne Kleider. Unsere Gespräche über Mode und die Probleme, hübsche, modische Sachen zu bekommen, haben mir auf jeden Fall entscheidende Impulse gegeben. In den USA sowie im skandinavischen Raum gibt es einzelne Ansätze. Ein Projekt jedoch, das meinem Umfang entspricht, ist mir nicht bekannt – leider. Denn ich leiste Pionierarbeit auf diesem Gebiet.

Welche Herausforderungen gab es am Anfang?

Gedik
: Ich erinnere mich bei dieser Frage sofort an die Herstellung meines ersten Sakkos: Ich habe hierbei vielzählige Anproben gemacht. Aber auch die ersten Hosen, Hemden, Blusen, Jacken, die ich konstruiert habe, saßen überhaupt nicht. Das Wichtigste war, die Körperform zu verstehen. Ich musste mir Schnittfähigkeiten dieser Proportionen aneignen. Die besonderen Herausforderungen bei meiner Arbeit sind die verkürzten Arme und Beine, der verhältnismäßig große Gesäßumfang, ausgeprägten Waden, Knie und häufig auch Hohlkreuze. Das macht die Schnittführung kompliziert.

Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?

Gedik: Ich träume davon, dass mein Projekt weiter wächst und sich auch betriebswirtschaftlich prächtig fortentwickelt. Ich möchte in den nächsten ein bis zwei Jahren professionell hergestellte Kleidung für meine Zielgruppe auf den Markt bringen und allen Menschen jenseits der Normgrößen in Zukunft endlich die Chance geben, Mode von der Stange zu kaufen, die passt. Ich träume von einem Rundum-sorglos-Angebot. Nicht nur die üblichen Outfits, sondern auch Schuhe, Handschuhe, Strumpfhosen und Brautkleider. Mein kurzfristiges Ziel ist die Erstellung der weltweit ersten Konfektionsgrößentabelle für Menschen mit Kleinwuchs. Dafür vermesse ich im In- und Ausland kleinwüchsige Menschen. Für eine langfristig positive Weiterentwicklung von Auf Augenhöhe wünsche ich mir außerdem interessierte Investoren, die sich an dem Projekt beteiligen möchten.

Foto: Das gesamte Team von "Auf Augenhöhe" sitzt gemeinsam auf einer Treppe; Copyright: Jana Hesse

Sema Gedik mit ihren Teammitgliedern, die sowohl Model als auch Inspiration ihres Projekt sind; © Jana Hesse

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Gedik: Was in der Gesellschaft bereits zunehmend gelebte Realität ist, damit tut sich die Modewelt noch schwer: die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Dabei sollte gerade Mode ein Alltagsprodukt sein, das alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft anspricht. Ein Beispiel für die Inklusion ist etwa das Modell der inkludierten Schulen in der behinderte sowie nicht-behinderte Schüler zusammen lernen.

Als Alltagsprodukt sollte sich Mode an alle richten, denn ein jeder möchte angemessen gekleidet sein. Für die gängigen Modehersteller ist derzeit meine Zielgruppe unsichtbar. Mit meinem Projekt geht es mir um die stärkere Einbeziehung von kleinwüchsigen Menschen im Bereich Alltagsbekleidung. Hier kommt es mir darauf an, mit meinen Werken die Nichtberücksichtigung meiner Klientel aufzuheben und ihnen damit Auf Augenhöhe zu begegnen.
Hier geht es zur Homepage von Sema Gedik und dem Projekt "Auf Augenhöhe": www.aufaugenhoehe.design
Foto: Leonie Höpfner; Copyright: privat

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Leonie Höpfner
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