Musik und Hörbehinderung: "Musik ist eine universelle Sprache, die keiner Worte bedarf"

Nachgefragt bei Mischa Gohlke, Initiator und Projektleiter von "Grenzen sind relativ e.V. - Kultur, Gesellschaft und Inklusion"

23.03.2017

Musik überwindet Grenzen – das zeigt der Verein "Grenzen sind relativ e.V. - Kultur, Gesellschaft und Inklusion". Initiator und Projektleiter Mischa Gohlke ist professioneller Musiker und seit seiner Geburt an Taubheit grenzend hörbehindert. Mit Hilfe der Musik möchte er unsere Gesellschaft für ganzheitlich gelebte Inklusion begeistern.

Foto: Mischa Gohlke; Copyright: Ulrike Schaffer

Mischa Gohlke; © Ulrike Schaffer

REHACARE.de sprach mit Mischa Gohlke über das bereits mehrfach ausgezeichnete Pilotprojekt "Musikunterricht für Hörgeschädigte" und über seinen - wie er sagt - radikalen Traum von Inklusion.

Herr Gohlke, wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Projekt "Musikunterricht für Hörgeschädigte" gekommen?

Mischa Gohlke: In Deutschland sind etwa 14 Millionen Menschen hörgeschädigt. Die hohe Zahl wird sicherlich viele überraschen. Leider ist immer noch die Haltung stark verbreitet, dass man aufgrund einer Hörschädigung keine oder nur bedingt Musik machen kann. Dies ist mir erstmals 2009 bei einem Sommercamp für hörgeschädigte und gehörlose Jugendliche so richtig bewusstgeworden. Verbunden mit meinen persönlichen Erfahrungen und meiner Identität als an Taubheit grenzend hörgeschädigter Musiker habe ich 2010 in Kooperation mit der Rock & Pop Schule Kiel das inklusive Pilotprojekt "Musikunterricht für Hörgeschädigte" ins Leben gerufen. Darüber hinaus berate ich bundesweit Musikschulen bezüglich des inklusiven Musikunterrichts und mache zu verschiedensten Themen Workshops für Musiklehrer, Pädagogen, Lehrer, Eltern, Schüler und Studenten.

Viele können sich nur schwer vorstellen, wie Musikunterricht für Menschen mit einer Hörbehinderung funktioniert. Wie genau läuft Ihr Unterricht denn ab?

Gohlke: Musikunterricht für Hörgeschädigte klingt auf dem ersten Blick zwar spektakulär und paradox, es geht aber letztendlich um ganz normalen Musikunterricht, der wirklich allen Menschen zugänglich sein sollte.

Einer der wohl größten Fehler ist, wenn wir hörgeschädigte Menschen die "normalen" Prozesse beim Musizieren und im Leben ausschließlich auf unsere Hörschädigung projizieren und uns damit identifizieren. Wir alle haben unsere Themen und es scheint immer wieder die Frage zu sein, wie wir einen gesunden konstruktiven Umgang mit unseren vermeintlichen Schwächen, Stärken, Frustrationen und Erfolgen finden können. Dabei ist immer wieder eine Herausforderung, die von innen und außen aufgelegten Gedankenmuster zu erkennen, zu hinterfragen und zu transformieren. Mit Leidenschaft, Achtsamkeit und Kontinuität können wir fast alles (er)schaffen. Musik ist ein wunderbarer Spiegel für die eigene Persönlichkeitsentwicklung und die zwischenmenschliche Beziehungsebenen. Dabei können wir alle von- und miteinander lernen. 

Ich werde oft gefragt, wie man mit den hörgeschädigten Schülern umgehen soll. Dabei sollte die Frage eher lauten: Wie komme ich mit dem Menschen, der unter anderem hörgeschädigt ist, in Kontakt? Hierbei gibt es keine Patentrezepte und allgemeingültige Methoden. Es kann generell hilfreich sein, zu wissen, dass viele Hörgeschädigte von den Lippen absehen, ein Teppich im Raum den Schall auf angenehme Weise dämpfen kann und nur eine Person zur selben Zeit reden sollte. Entscheidend ist es aber, immer wieder aufs Neue in eine möglichst wertfreie und ergebnisoffene Beziehungsebene nach innen und außen zu kommen und sich gemeinsam der Vielfalt an Möglichkeiten hinzugeben. Und so das Leben aktiv zu gestalten.

Spannend finde ich die wiederkehrende Erfahrung, dass ich in manchen Momenten fast alles verstehen kann, in anderen Momenten wiederum so gut wie gar nichts. Da kommt man automatisch zu der Fragestellung, wie Wahrnehmungen und Realitäten überhaupt entstehen und kreiert werden. Und wie unser Gehirn generell so arbeitet – oder auch nicht?  

Unsere Wahrnehmungen und Empfindungen sind multisensorisch und wir erleben Sprache und Musik auf verschiedensten Ebenen zugleich: Auge, Gehör, Emotion, Körpergefühl, Verstand, Intuition, metaphysische Prozesse und viele mehr. Alles bedingt einander und läuft parallel.

Die Auseinandersetzung mit einer vermeintlichen Sinnes-Beeinträchtigung – wie zum Beispiel eine Hörschädigung – resultiert also in einen "ganzheitlichen multisensorischen Musikunterricht", der alle Sinne, Wahrnehmungen und Empfindungen mit einbezieht und alle Menschen anspricht.

Foto: Mischa Gohlke spielt E-Gitarre auf der Bühne; Copyright: Stephan Olbrich

Musiker mit Leib und Seele: Mischa Gohlke; © Stephan Olbrich

Welchen Stellenwert hat Musik in Ihrem Leben?

Gohlke: Musik erweckt in mir immer wieder aufs Neue Leidenschaft, Begeisterung und Liebe. Musik ist Energie, Schwingung und ein Zugang für das Mysterium des Lebens. Auch wenn es ein wenig abgedroschen klingen mag: Musik ist eine universelle Sprache, die keiner Worte bedarf.

Mit meiner Mischa Gohlke Band interpretieren wir Songs von den beiden Legenden Stevie Ray Vaughan und Jimi Hendrix und machen nun vermehrt eigene Songs querbeet durch verschiedenste Musikrichtungen. In Schubladen formuliert: Rock, Funk, Blues, Pop, Jazz und Experimentelles. Auch die musikalische Inklusion will gelebt werden. Zuletzt haben wir über die Deutsche Botschaft – im Rahmen einer Inklusions-Kampagne in Weißrussland – in der Philharmonie Minsk gespielt, was eine großartige Erfahrung gewesen ist. Aktuell arbeiten wir an unserer neuen EP, ein Best of 2013-2016 Bandfilm wird bald veröffentlicht und wir werden 2017 verschiedenste Bühnen in Deutschland und im Ausland rocken.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

In der aktuellen öffentlichen Debatte wird Inklusion überwiegend auf die "Integration" von Menschen mit formal anerkannter Behinderungen heruntergebrochen. Selbst in der sogenannten "Behindertenszene" wird Inklusion immer wieder separierend interpretiert und gelebt. Dabei kann, soll und muss Inklusion wesentlich mehr sein. Inklusion ist keine Spezialkonvention, sondern beinhaltet die Konkretisierung der vorhandenen universellen Menschenrechte. Darüber hinaus: Wir ALLE sind "behindert". Egal ob körperlicher, mentaler, sozialer, kultureller, emotionaler, empathischer, finanzieller oder/und struktureller Natur. Viele Barrieren finden in unseren Köpfen statt.

Somit betrifft Inklusion alle Bereiche, die unser Leben in einer komplexen heterogenen Gesellschaft ausmachen: soziale, ökologische, ökonomische, bildungspolitische, kulturelle, spirituelle, globale, persönliche und zwischenmenschliche Themen können nicht mehr getrennt voneinander, sondern müssen – in Beziehung zueinanderstehend – als Ganzes wahrgenommen (und angenommen) werden.

Mein Traum von Inklusion ist radikal. Radikal kommt von radix, die Wurzel: Zu Ende gedachte und gelebte Inklusion kollidiert mit unserer neoliberal geprägten Leistungs-, Konsum- und Wachstumsgesellschaft. Derzeit sind wir Weltmeister, unter anderem im separierenden Wahrnehmen, Handeln und Tun und elitären konsumierbaren Wohltätigkeitskultur-Entertainment-Promi-Gehabe. Vorurteile, Ängste, ein unklares Selbstwertgefühl sowie unsere "gesellschaftlichen Realitäten" führen noch immer dazu, dass Menschen in einer isolierten Welt leben und somit viele separierende Mikro-Kosmen aufgebaut werden. Im Zeitalter der Ich-AGs darf aus ICH und DU gerne (wieder) ein "Wir-sind-miteinander-verbunden-Bewusstsein" entstehen. Vielfalt will gelebt werden. Im Kleinen wie im Großen.

Verbunden mit dem Potenzial der "ganzheitlich gelebten Inklusion" leitet sich eine "neue Beziehungskultur" ab. Alles steht zu- und miteinander in Beziehung. Persönliche Themen und Prozesse, zwischenmenschliche Begegnungen, unser Konsumverhalten welches überwiegend auf globale Ausbeutung basiert, unser Umgang mit der Natur und vieles mehr.

Letztlich geht es um unser Bewusstsein, welches in verschiedensten persönlichen, zwischenmenschlichen und gesellschaftspolitischen Systemen Ausdruck findet und stets transformiert werden möchte. Auf in ein weiterführendes Paradigma!

Mehr über den Verein Grenzen sind relativ e.V. unter: www.grenzensindrelativ.de

Das Interview führte Leonie Höpfner.
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