In Österreich leben etwa 190.000 Kinder mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, angeborenen Herzfehlern oder Krebserkrankungen. Etwa neun Prozent davon können aufgrund von medizinischen Behandlungen oder Krankenhausaufenthalten die Schule nur unregelmäßig besuchen. Die Folgen sind nicht nur Einbußen der schulischen Fertigkeiten, sondern auch soziale und emotionale Probleme für die chronisch kranken Kinder. Das Fehlen von persönlichen Kontakten zu Lehrenden und Mitschüler*innen verursacht auch Gefühle von Einsamkeit und sozialer Isolation. Ein mangelndes Zugehörigkeitsgefühl begünstigt das Entstehen psychischer Folgeerkrankungen, einen geringen Selbstwert der Kinder und eine ungünstige Verarbeitung der Krankheit.
Um diesen Schwierigkeiten vorzubeugen, wurden in den vergangenen Jahren Telepräsenz-Systeme wie Avatare, virtuelle Klassenräume und mobile Roboter in der pädagogisch-psychologischen Arbeit diskutiert. Oft wird ein steuerbarer Roboter eingesetzt, der sowohl Bild als auch Ton in beide Richtungen übertragen kann und von den Kindern gesteuert und bewegt wird. Dieses System ist jedoch technisch anfällig, und zudem fühlen sich die kranken Kinder wegen ihres körperlichen Erscheinungsbildes oftmals unwohl.
Der handliche Avatar AV1 der norwegischen Firma "No Isolation" überträgt den Ton in beide Richtungen, jedoch das Videobild nur in eine Richtung. Gesteuert wird er mittels App auf dem Tablet oder Smartphone. So kann das Kind seine Mitschüler*innen sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Der Unterricht wird als Ton und Bild zum kranken Kind übertragen, dieses ist selbst nicht zu sehen, aber zu hören.
Thomas Pletschko vom Comprehensive Center for Pediatrics CCP von MedUni Wien und AKH Wien und Leiter des Pediatric Brainfit Labs untersucht nun detailliert in einer für die Dauer von zwei Jahren angesetzten prospektiven Studie, wie sich der Einsatz des Avatars AV1 auf die schulische Situation der Kinder und deren Eltern, sowie der Lehrer*innen auswirkt. Analysiert werden auch die Nutzungsdauer sowie sozioökonomische Einflussvariablen. Die Stichprobe inkludiert Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen im Alter von 6 bis 17 Jahren und 11 Monaten, die bereits mindestens ein Semester lang die Schule besucht haben und diese aufgrund ihrer Erkrankung für mindestens sechs Wochen nicht oder nicht regelmäßig besuchen können.
Ziel der Studie ist, ein besseres Verständnis für die schulischen Probleme der Kinder und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen zu schaffen und Interventionsmöglichkeiten aufzuzeigen, die sich mit der neuen Technologie der Telepräsenz-Systeme auseinandersetzen. Projektpartner*innen und Sponsor*innen sind die Heilstättenschule Wien und der private Bildungsträger "die Berater" sowie das Projekt Occursus, 42virtual und der Verein Herzkinder.
REHACARE.de; Quelle: Medizinische Universität Wien