REHACARE.de sprach mit der Behindertenrechtsaktivistin und Diplom-Psychologin über ihre Erfahrungen als lesbische Frau mit Behinderung bei der Partnerinnensuche und welcher Zusammenhang für sie zwischen Liebe und einem selbstbestimmten Leben besteht.
Frau Ruhm, was beschäftigt Sie in Sachen Liebe/Partnerschaft (derzeit) am meisten?
Kassandra Ruhm: Das schöne Gefühl, ohne Bedenken beieinander schwach sein zu können. Weil oft gerade die Schwächen und die Unperfektheit Menschen besonders liebenswert machen. Außerdem mag ich, dass meine Stärken gesehen und genossen werden. Zugehörigkeit und Nähe sind mir wichtig. Auch Sexualität wird damit intimer, aufregender und intensiver.
Wie offen gehen Sie damit um, dass Sie Frauen lieben?
Ruhm: Ich gehe damit sehr offen um. Ich finde, dass lesbisch zu sein gut ist, weil Menschen zu lieben gut ist. Deswegen ist gleichgeschlechtliche Liebe auch gut. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die Angst vor negativen Reaktionen haben. Ich will es anderen leichter machen, indem ich sehr offen und auf positive Weise zu meiner Lebensform stehe.
Ich finde, dass es gut ist, wenn es unterschiedliche Lebensweisen gibt. Für die Gesellschaft ist es besser, wenn es nicht nur ein Modell gibt, wie Menschen aussehen oder leben sollen, sondern vielfältige.
Seit Ihrem 22. Lebensjahr sind Sie Rollstuhlfahrerin. Welche Erfahrungen haben Sie als Frau mit Behinderung bei der Partnerinnensuche gemacht? Und wie sehr unterscheiden sich diese Erfahrungen von der Zeit, in der Sie noch keinen Rollstuhl genutzt haben?
Ruhm: In der Zeit, in der ich nicht als behindert angesehen wurde, habe ich oft wie im Vorbeigehen Herzen mitgenommen. Das hat sich mit der Sichtbarkeit meiner Behinderung stark verändert.
Inwiefern?
Ruhm: Nicht-behinderte Menschen haben oft Berührungsängste. Entweder sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen oder sie haben Angst, eine behinderte Partnerin könnte zu viele Dinge nicht. Oder sie gehen unbewusst davon aus, behinderte Menschen wären weniger attraktiv als nicht-behinderte. Das ist eine subtile gesellschaftliche Überzeugung, die sich über Filme, Literatur, Werbung und andere Medien vermittelt und die viele Menschen verinnerlicht haben. Manchmal sogar wir behinderten Menschen selbst.
Ich weiß, dass ich nicht weniger attraktiv oder toll bin als damals, als ich noch nicht als "behindert" einsortiert worden bin. Trotzdem werde ich mit meinem Rollstuhl viel seltener angegraben als vorher. Manchmal werden nicht-behinderte Menschen durch Denkbarrieren eingeschränkt und nehmen unsere Attraktivität nicht normal wahr. Ich finde gut, zu wissen, dass das nicht an mir liegt, sondern an den Ängsten der anderen und an Vorurteilen. Ängste können sich ändern. Wenn wir wissen, was wir an uns mögen und selber behinderte Menschen als attraktiv wahrnehmen, wenn wir unter Leute gehen und aktiv unser Leben gestalten, können wir dem Rest der Gesellschaft helfen, ihre Vorurteile abzubauen.
Denken Sie, dass eine nicht-sichtbare Behinderung vieles einfacher machen würde?
Ruhm: Auch wenn einige direkte Diskriminierungen wegfallen würden, weil die meisten Menschen gar nicht wüssten, dass ich behindert bin, gibt es eine Reihe von Nachteilen, die Menschen mit nicht-sichtbarer Behinderung erleben. Ich möchte das nicht gegeneinander aufwiegen.
Mit zwölf Jahren bin ich leicht schwerhörig geworden. Es war zwar für mich selbst anstrengend, mein fehlendes Hörvermögen zu kompensieren, aber es hat keine Auswirkungen darauf gehabt, in welchem großen Umfang Männer an mir interessiert waren. Wenn ich später aufgrund anderer gesundheitlicher Schwierigkeiten Rücksichtnahmen brauchte, war das ähnlich. Solange ich als "nicht-behindert" angesehen worden bin, bin ich als attraktive Frau wahrgenommen worden.
Es ging und geht also nicht um meine tatsächlichen Einschränkungen – sondern um den Stempel "behindert", der von außen auf mir klebt.
Manche nicht-behinderten Menschen nehmen an, sie müssten in einer Beziehung mit einem behinderten Menschen mehr geben als sie bekommen. Meine persönliche Erfahrung ist genau umgekehrt: Ich werde von behinderten Frauen mehr umsorgt und verwöhnt als von nicht-behinderten.