Interview: „Selbstbestimmt – auch auf der Toilette“
Prof. Dr. med. Urs Schneider, Fraunhofer IPA, über selbstbestimmte Kontinenz, Schutz vor Gewalt und neue Lösungen auf der REHACARE 2026
Kontinenz ist immer noch ein Tabu-Thema — obwohl es den Alltag so vieler Menschen beeinflusst. Was hören Sie von Betroffenen, das Sie bewegt?
Die Scham ist groß, obwohl Blasen- und Darminkontinenz allein in Deutschland mindestens zehn Millionen Menschen betrifft (aktuelle Zahlen der Deutschen Kontinenzgesellschaft, d. Red.). Eine hohe Dunkelziffer kommt hinzu. Wir wissen, dass sich Betroffene häufig wund liegen, unter Harnwegs- oder Hautinfektionen leiden. Viele ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, riskieren es, mit der Zeit depressiv zu werden oder ins Pflegeheim zu kommen. Was Menschen belastet, die ohne andere Erkrankungen durch das Leben gehen, betrifft diejenigen umso mehr, die beispielsweise Multiple Sklerose haben, körperlich oder geistig beeinträchtigt oder querschnittsgelähmt sind. Es wird höchste Zeit, den Scheinwerfer auf dieses Thema zu richten.
Sie schaffen auf der REHACARE 2026 einen Raum, in dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen. Warum ist es so wichtig, dass ihre Stimmen im Mittelpunkt stehen?
Es geht nicht nur darum, selbstbestimmt zur Toilette gehen zu können — sondern auch darum, sexuelle Übergriffe und Gewalt zu verhindern. Der aktuelle Bericht des Bundeskriminalamtes von 2025 macht deutlich: Frauen mit Behinderungen erleiden doppelt so häufig sexualisierte Gewalt wie andere — auch beim Legen eines Katheters. Eine Befragungsstudie, die wir als Fraunhofer Institut durchgeführt haben, zeigt zusätzlich: Über 60 Prozent der Befragten fühlen sich als Folge von Problemen beim Entleeren von Blase oder Darm mäßig bis stark sexuell eingeschränkt. Über ihre Themen und den Weg zu Kontinenz im Alltag werden Betroffene, Therapeutinnen und Therapeuten, Firmen, Forscherinnen und Forscher bei der REHACARE in mehr als 30 Vorträgen sprechen. Die Aussteller stellen dazu passende Therapien und Produkte vor.
Was bedeutet „selbstbestimmte Kontinenz“ im Alltag — und wie kann Technologie helfen, Menschen mehr Kontrolle zu geben?
Stellen Sie sich eine Frau im Rollstuhl vor, die urinieren muss. Wie das am besten ohne fremde Hilfe funktioniert, haben wir gemeinsam mit Freiwilligen und einer Tantra-Therapeutin in der Praxis erprobt. Auf Basis dieser Tests haben Fraunhofer-Forscher gemeinsam mit Medizintechnikern ein Spreizgerät entwickelt, mit dem Frauen sich beim Toilettengang selbst helfen können — im Auto, im Flugzeug, ganz ohne fremde Hilfe. Es schützt vor sexualisierter Gewalt, entlastet Pflegekräfte und verhindert Folgeerkrankungen. Wir haben dafür eine eigene Firma gegründet und stellen das Gerät auf der REHACARE 2026 vor.
Was wünschen Sie sich von der Branche, der Politik und auch von uns als Gesellschaft?
Einen offenen Diskurs über solche Themen und mehr Unterstützung dabei, Wege zu den passenden Hilfsmitteln zu finden – über Selbsthilfegruppen oder spezialisierte Zentren und Kliniken.
Über die REHACARE
Die REHACARE ist die weltweit führende Fachmesse für Rehabilitation, Prävention, Inklusion und Pflege. Unter dem Leitgedanken „Selbstbestimmtes Leben“ bringt sie Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und im Alter mit Lösungsanbietern, Start-ups, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern zusammen. Die REHACARE 2026 findet vom 23. bis 26. September 2026 in Düsseldorf statt.
Wie wichtig die Perspektive der Betroffenen für die Messe ist, zeigt auch der REHACARE Report 2026: Für die groß angelegte Studie wurden mehr als 1.500 Menschen mit Behinderung, chronischen Erkrankungen und Angehörige zur Zukunft der Hilfsmittelversorgung befragt.
„Im Mittelpunkt müssen die Menschen stehen, die auf eine bedarfsgerechte Versorgung angewiesen sind, um ihren Alltag selbstbestimmt gestalten zu können“, sagt Hannes Niemann, Director der REHACARE.
Mehr Informationen gibt es unter www.rehacare.de
Marktplatz & Vortragsprogramm „Selbstbestimmte Kontinenz“
Halle 1 der Messe Düsseldorf wird 2026 erstmals zur Bühne für ein Tabu-Thema: Auf dem Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ zeigen Aussteller wie Hollister, UROMED, PubliCare, ConvaTec und Coloplast Produkte und Beratungsangebote rund um Blasen- und Darmmanagement.
Begleitend dazu sprechen an vier Messetagen Betroffene, Therapeuten und Therapeutinnen, Forscher und Forscherinnen sowie Vertreter von Selbsthilfeorganisationen wie der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten (FgQ) und dem Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm) in mehr als 30 Vorträgen. Die Themen reichen von praktischen Anleitungen dazu, wie man selbst einen Katheter legt, über eine gezielte Steuerung der Verdauung sowie der Toilettengänge bis hin zu rechtlichen Ansprüchen auf Inkontinenzversorgung. Es gibt auch Vorträge über Sexualität und Kontinenz sowie zu Bewegung im Rollstuhl (u. a. „Zumba im Rollstuhl“).
Aktuelle Forschung nimmt eine wichtige Rolle ein: Das Fraunhofer IPA stellt mit 2LIP und 4ROSE zwei neue Hilfsmittel vor, die Frauen beziehungsweise Menschen mit Querschnittlähmung den selbstständigen Toilettengang erleichtern sollen – ohne fremde Hilfe.
Halle 1, Messe Düsseldorf · Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ · Mehr als 30 Fachvorträge im Forumsprogramm · 23.–26. September 2026
Bildnachweise
- Nutzerin mit 2LIP im Badezimmer: KI-generierte Produktvisualisierung (ChatGPT/OpenAI), Fraunhofer IPA
- Porträt Prof. Dr. med. Urs Schneider: Fraunhofer IPA
- Schemazeichnung 2LIP-Funktionsweise: Fraunhofer IPA
- Produktfoto 2LIP und 4ROSE: KI-generierte Produktvisualisierung (ChatGPT/OpenAI), Fraunhofer IPA
- Teamfoto (Alina Benkiser, Kristina Michel, Carolin Schulz, Prof. Urs Schneider): Fraunhofer IPA