Die HilfsmittelStudie 2026 zeigt eine Branche, die für Versorgung, Mobilität und Selbstbestimmung zentral ist, sich aber politisch und gesellschaftlich oft nicht ausreichend wahrgenommen fühlt. Was sagt uns diese Studie über den Zustand unseres Gesundheitssystems?
Aus meiner Sicht zeigt die Studie einen fundamentalen Widerspruch unseres Gesundheitssystems auf: Genau jene Bereiche, die für den Alltag der Menschen besonders wichtig sind, stehen meist nicht im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Die Hilfsmittelversorgung ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Sie wird immer noch zu sehr über Produkte, Verordnungen, Genehmigungen und Abrechnung gedacht. Tatsächlich geht es aber um sehr viel mehr, nämlich um Mobilität, Selbstständigkeit, Teilhabe, Würde und ganz konkret um die Frage, ob ein Mensch trotz Alter, Krankheit oder Behinderung sein Leben möglichst eigenständig führen kann.
Ein Kernproblem ist in meinen Augen, dass unser Gesundheitssystem stark in Sektoren, Zuständigkeiten und Kostenpositionen organisiert ist. Für die Menschen selbst sieht Versorgung aber vollkommen anders aus: Ein Patient erlebt nicht die Zuständigkeit eines Sektors, sondern seinen eigenen Alltag. Er erlebt, ob ein Rollstuhl rechtzeitig kommt, eine Prothese funktioniert, ein Pflegebett verfügbar ist oder wie nach einer Krankenhausentlassung die Versorgung zu Hause organisiert ist. Und genau an diesen Übergängen sehen wir große Schwächen.
Unsere Studie macht dabei sichtbar, was viel zu lange unterschätzt wurde: Die Hilfsmittelbranche steht nicht am Rand des Gesundheitssystems, sondern in seinem Maschinenraum. Sie verbindet medizinische Verordnung mit dem tatsächlichen Leben der Menschen. Sie übersetzt Therapie in Alltag und sorgt dafür, dass ambulante und häusliche Versorgung überhaupt funktionieren können.
Gleichzeitig steht die Branche unter enormem Druck: Bürokratie, Fachkräftemangel, Kostendruck und fehlende politische Wahrnehmung belasten sie. Vor allem aber wird der Versorgungsbedarf in unserer alternden Gesellschaft deutlich steigen. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Haben wir künftig noch die Strukturen, die Fachkräfte und die wirtschaftlichen Voraussetzungen, um diesen Bedarf auch tatsächlich zu bewältigen?
Besonders alarmierend ist die politische Wahrnehmung: Je nach Tätigkeitsgruppe fühlen sich über 90 Prozent der Befragten gesundheitspolitisch nicht ausreichend vertreten. Das ist kein bloßes Anerkennungsproblem. Denn politische Sichtbarkeit entscheidet letztlich auch über Finanzierung, Digitalisierung, Fachkräftegewinnung und über die Frage, welche Rolle eine Branche im zukünftigen Versorgungssystem spielen kann und soll.
Wir müssen deshalb auch unsere Vorstellung von Gesundheitsökonomie verändern. Gute Hilfsmittelversorgung kostet natürlich Geld, doch verhindert sie auch Kosten. Wenn wir Mobilität erhalten, Krankenhausaufenthalte verhindern, Pflegebedürftigkeit verzögern oder Angehörige entlasten, dann entsteht ein enormer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wert. Gute Versorgung ist also immer auch Prävention.
Für mich lautet die tiefere Botschaft der HilfsmittelStudie daher: Unser Gesundheitssystem muss lernen, weniger von seinen Institutionen und stärker vom Leben der Menschen aus zu denken.